Kommunalwahl in Hessen bringt neue Kräfteverhältnisse

Von Heinz Gerhard Schwind
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Kommunalpolitik im Wandel: Ein Land wählt neu

Die aktuellen Kommunalwahlen in Hessen zeigen ein politisches Bild, das von regional sehr unterschiedlichen Entwicklungen geprägt ist. Während einige Parteien ihre Position in wichtigen Städten verteidigen konnten, kam es gleichzeitig zu teils deutlichen Verschiebungen im politischen Kräftefeld. Besonders auffällig ist, dass mehrere Parteien gleichzeitig Zugewinne oder Verluste verzeichnen, je nachdem, ob man Großstädte, mittelgroße Kommunen oder ländliche Regionen betrachtet.

In vielen Städten bestätigt sich ein Trend, der bereits bei vorherigen Wahlen sichtbar wurde: Die politischen Mehrheiten werden fragmentierter, während kleinere Parteien und lokale Wählergruppen zunehmend an Bedeutung gewinnen. Gleichzeitig zeigt sich, dass nationale politische Themen auch auf kommunaler Ebene immer stärker Einfluss auf das Wahlverhalten haben.

Hinzu kommt ein wachsendes Interesse an kommunalen Entscheidungen. In mehreren Gemeinden stieg die Wahlbeteiligung deutlich an, teilweise um mehrere Prozentpunkte. In der Stadt Erlensee beispielsweise erhöhte sich die Beteiligung von 41 Prozent auf 49 Prozent. Auch Bürgerentscheide zu lokalen Infrastruktur- oder Energieprojekten mobilisieren zunehmend die Bevölkerung.

Grüne verteidigen ihre Hochburgen in Darmstadt und Kassel

Trotz spürbarer Verluste bleiben die Grünen in mehreren hessischen Großstädten weiterhin eine der stärksten politischen Kräfte. Besonders deutlich wird dies in der sogenannten „Wissenschaftsstadt“ Darmstadt, wo die Partei erneut den ersten Platz erreichen konnte.

Mit rund 23 Prozent der Stimmen liegen die Grünen dort weiterhin an der Spitze. Dahinter folgen CDU und SPD, die jeweils etwa 16 Prozent erzielen konnten. Auffällig ist jedoch die zunehmende Konkurrenz durch kleinere Parteien. Die Linke, AfD und Volt erreichen jeweils rund 10 Prozent und bilden damit ein enges Mittelfeld.

Auch in Kassel zeigt sich ein ähnliches Bild. Dort führen Grüne und CDU mit jeweils etwa 22 Prozent, während die SPD rund 20 Prozent erreicht. Die Linke kommt auf knapp 15 Prozent, während die AfD mit etwa 12 Prozent zwar zulegen kann, jedoch weiterhin hinter den größeren Parteien bleibt.

Trotz der Verluste bleiben die Grünen damit in beiden Städten eine zentrale politische Kraft. Gleichzeitig zeigen die Ergebnisse, dass sich die politische Landschaft zunehmend ausdifferenziert.

CDU stärkt ihre Position in mehreren Regionen

Während die Grünen in einigen Städten ihre Stellung verteidigen konnten, gelang es der CDU in anderen Regionen, ihre Position deutlich auszubauen. Besonders sichtbar wird dies in der hessischen Landeshauptstadt Wiesbaden.

Dort erreichten die Christdemokraten laut Trendergebnis rund 26 Prozent der Stimmen und konnten damit ihren Vorsprung gegenüber der SPD ausbauen. Gleichzeitig musste die SPD mehrere Prozentpunkte abgeben.

Zu den klaren Verlierern zählen in Wiesbaden die Grünen und die FDP. Beide Parteien verloren jeweils mehr als fünf Prozentpunkte im Vergleich zur letzten Kommunalwahl. Die Grünen kamen auf etwa 15 Prozent, während die FDP lediglich rund 5 Prozent erreichte.

Auch in der Region Waldeck-Frankenberg, die lange Zeit als klassische SPD-Hochburg galt, setzte sich die CDU klar durch. Mit rund 30 Prozent der Stimmen gewann sie dort die Kreiswahl. SPD, Grüne, FDP und Freie Wähler verloren jeweils mehrere Prozentpunkte gegenüber der Wahl von 2021.

AfD erzielt starke Zugewinne in mehreren Kommunen

Ein weiterer zentraler Trend dieser Wahl ist der teilweise deutliche Stimmenzuwachs der AfD in mehreren Gemeinden. Besonders stark fällt dieser in kleineren Städten und ländlicheren Regionen aus.

In der Stadt Erlensee östlich von Frankfurt liegt die Partei laut Trendergebnis mit 26 Prozent erstmals auf dem ersten Platz. Dahinter folgen SPD mit 24 Prozent, Freie Wähler mit 18 Prozent und die CDU mit 16 Prozent. Die Grünen erreichen nur noch etwa 10 Prozent, während Die Linke bei knapp 6 Prozent liegt.

Auch in Büdingen zeigt sich eine deutliche Verschiebung. Dort erreicht die AfD etwa 25 Prozent und liegt damit vor CDU (24 Prozent) und einer Freien Wählergemeinschaft (22 Prozent). Die SPD kommt auf rund 15 Prozent, die Grünen auf etwa 10 Prozent.

Vor fünf Jahren hatte die AfD dort lediglich 6 Prozent erzielt. Das entspricht einem Zuwachs von rund 19 Prozentpunkten. Allerdings können sich diese Werte nach vollständiger Auszählung aller Stimmen noch leicht verändern.

Auch in Teilen Osthessens, traditionell eher konservativ geprägt, liegt die AfD in einzelnen Wahllokalen sogar deutlich vor der CDU. In einem Wahllokal der Stadt Gersfeld beispielsweise kommt die AfD auf 37 Prozent, während die CDU dort etwa 27 Prozent erreicht.

Unterschiedliche Entwicklungen in großen Städten

In den größeren Städten Hessens zeigt sich ein gemischtes Bild. Besonders interessant ist die Entwicklung in Frankfurt am Main, der größten Stadt des Bundeslandes.

Dort konnte die AfD ihr Ergebnis nahezu verdoppeln und erreicht nach Auszählung eines Teils der Wahllokale knapp 12 Prozent der Stimmen. Gleichzeitig legt die CDU leicht zu und kommt auf rund 26 Prozent.

Die Grünen, die derzeit die stärkste Fraktion im Frankfurter Rathaus stellen, verlieren hingegen deutlich und erreichen nur noch etwa 19 Prozent. Das entspricht einem Minus von rund sechs Prozentpunkten im Vergleich zur letzten Wahl.

Die SPD bleibt relativ stabil bei etwa 17 Prozent, während Die Linke rund 8 Prozent erreicht. Volt kommt auf etwa 4 Prozent, während das Bündnis Sahra Wagenknecht mit rund 1,4 Prozent bislang kaum eine Rolle spielt.

In Hanau, das seit Anfang des Jahres wieder eine kreisfreie Stadt ist, bleibt die SPD laut Trendergebnis stärkste Kraft. Allerdings ist ihr Vorsprung gegenüber der CDU deutlich kleiner geworden. Während die SPD rund 19 Prozent erreicht, liegt die CDU nur etwa zwei Prozentpunkte dahinter.

Die AfD und die Grünen liegen dort nahezu gleichauf im Bereich zwischen 10 und 11 Prozent.

Bürgerentscheide zu Windkraft sorgen für politische Debatten

Neben den Wahlergebnissen sorgten auch mehrere Bürgerentscheide für Aufmerksamkeit. Besonders kontrovers wurde über den Bau von Windkraftanlagen diskutiert.

In der Kurstadt Bad Orb sprachen sich mehr als 68 Prozent der Bürger gegen einen geplanten Windpark aus. Die Stadt kündigte an, mit „allen rechtlich zulässigen Maßnahmen“ gegen die Errichtung der Anlagen vorzugehen.

Stattdessen soll auf dem betroffenen Waldgebiet ein sogenannter Heilwald entstehen. Ob der Bürgerentscheid rechtlich bindend ist, bleibt allerdings unklar, da das Grundstück dem Land Hessen gehört.

Ganz anders fiel die Entscheidung im mittelhessischen Löhnberg aus. Dort stimmten rund 57 Prozent der Bürger für die Umwidmung kommunaler Waldflächen für Windkraftanlagen. Die Gemeinde plant, durch die Verpachtung der Flächen zusätzliche Einnahmen zu generieren, um ihre Finanzprobleme zu bewältigen.

Wahlsystem sorgt weiterhin für politische Diskussionen

Neben den politischen Ergebnissen steht auch das hessische Wahlsystem erneut im Mittelpunkt der Diskussion. Hessen verwendet weiterhin das sogenannte Hare-Niemeyer-Quotenverfahren, das bereits bei Bundestagswahlen zwischen 1987 und 2005 angewendet wurde.

Kritiker bemängeln seit Jahren, dass dieses System zu mathematischen Paradoxien führen kann. In bestimmten Fällen kann eine Partei beispielsweise einen Sitz verlieren, obwohl eine andere Partei weniger Stimmen erhält.

Eine Reform des Systems wurde jedoch vom Hessischen Staatsgerichtshof gestoppt. Die Landesregierung hatte vorgeschlagen, ein Divisorverfahren einzuführen, das in Ländern wie Österreich und der Schweiz genutzt wird.

Dieses Verfahren hätte nach Ansicht der Regierung dazu beitragen können, die Zersplitterung kommunaler Parlamente zu reduzieren. Da kleinere Gruppierungen derzeit relativ leicht einen Sitz erhalten können, sind in vielen Gemeinden sehr viele Parteien und Listen vertreten.

Die Entscheidung des Gerichts bedeutet jedoch, dass das bisherige Verfahren weiterhin angewendet wird – und die Diskussion über eine mögliche Reform des Wahlsystems wohl auch nach dieser Wahl nicht beendet sein dürfte.

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