Öl und Gas könnten bald zum echten Mangelgut werden

Von Heinz Gerhard Schwind
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Die nächste Energiekrise trifft Deutschland mit voller Wucht

Die Warnzeichen werden immer deutlicher, und sie sind kaum noch zu übersehen. Solange die Straße von Hormus blockiert bleibt und gleichzeitig immer mehr Förderanlagen beschädigt werden, rutscht die Weltwirtschaft tiefer in eine neue Energiekrise. Dabei geht es längst nicht nur um etwas teureres Öl oder nervöse Märkte. Die Lage greift bereits in Lieferketten, Industrieproduktion und Alltagskosten ein. Besonders alarmierend ist, dass auch die globale Produktion von Flüssiggas bereits um 20 Prozent eingebrochen ist.

Das ist kein gewöhnlicher Preisschock mehr. Wenn Öl und Gas gleichzeitig knapper, teurer und umkämpfter werden, trifft das fast jeden Bereich moderner Volkswirtschaften. Düngemittel verteuern sich, wichtige Rohstoffe wie Helium und Schwefel werden knapper, Transport und Produktion geraten unter Druck. Für Deutschland ist das besonders brisant, weil das Land weiterhin stark von fossilen Importen abhängt. Genau darin liegt nun die strategische Verwundbarkeit.

Deutschland spürt die Folgen schon jetzt

Die Auswirkungen sind bereits sichtbar. Das Wirtschaftswachstum hat sich nach den vorliegenden Angaben bereits halbiert, während die Inflation deutlich zugelegt hat. Das sind keine theoretischen Vorboten mehr, sondern reale Krisensymptome. Eine Volkswirtschaft, deren Wachstum einbricht und deren Energie zugleich teurer wird, gerät gleich doppelt unter Druck.

Genau deshalb ist die aktuelle Debatte so unerquicklich. Denn viele politische Reaktionen wirken bislang erstaunlich klein gemessen an der Größe des Problems. Statt die strukturelle Abhängigkeit von Öl und Gas entschieden anzugehen, dreht sich vieles vor allem um kurzfristige Preisentlastungen. Das mag populär sein, löst aber das Grundproblem nicht. Im schlimmsten Fall verschärft es es sogar.

Der Tankrabatt lindert nicht die Krise, sondern verzerrt sie

Die Bundesregierung setzt bislang vor allem auf Maßnahmen, die die Preiswahrnehmung dämpfen sollen. Unternehmen wurden aufgefordert, ihren Beschäftigten Sonderzahlungen zu gewähren. Zudem gilt ab 1. Mai für zwei Monate ein Tankrabatt, der die Preise an den Zapfsäulen wieder unter die symbolisch wichtige Grenze von zwei Euro drücken soll.

Doch genau dieser Ansatz steht massiv in der Kritik. Viele Ökonomen halten den Tankrabatt für das falsche Signal. Denn wenn Energie künstlich verbilligt wird, sinkt der Druck zum Sparen. Die Nachfrage wird eher gestützt, obwohl das Angebot knapper wird. Aus einem politischen Entlastungsversuch kann so ein ökonomischer Bumerang werden. Günstigere Preise mögen kurzfristig beruhigen, sie können aber gleichzeitig die Verknappung verschärfen.

Rationierung ist plötzlich kein Tabuwort mehr

Besonders erschreckend ist, dass Fachleute inzwischen offen über Rationierung sprechen. Jan Rosenow, Professor für Energie- und Klimapolitik an der Universität Oxford, sagt unmissverständlich: „Es kann durchaus dazu kommen, je nach weiterer Entwicklung, dass auch über Rationierung nachgedacht werden muss.“ Nach seiner Einschätzung ließen sich damit kurzfristig 10 bis 15 Prozent Energie einsparen, vor allem durch Verhaltensänderungen.

Was das konkret bedeuten könnte, zeigt, wie tief ein solcher Schritt in den Alltag eingreifen würde:

  • Tempolimit auf Autobahnen
  • begrenzte Nutzung von Heizungen
  • eingeschränkte Nutzung von Klimaanlagen
  • Vorgaben für den Einzelhandel, etwa Türen geschlossen zu halten
  • allgemeine staatliche Maßnahmen zur Senkung des Energieverbrauchs

Damit wäre eine neue Eskalationsstufe erreicht. Dann ginge es nicht mehr nur um höhere Preise, sondern um die direkte Steuerung des Verbrauchs. Aus einem Marktproblem würde ein Eingriff in tägliche Gewohnheiten und Freiheiten.

Die Öffentlichkeit nimmt die Krise noch nicht ernst genug

Rosenow warnt ausdrücklich davor, dass das Ausmaß der Lage noch immer unterschätzt werde. Er sagt: „Ich habe den Eindruck, dass in der Öffentlichkeit noch nicht wirklich angekommen ist, wie gravierend diese Krise ist.“ Und noch deutlicher: „Wir unterschätzen das noch.“

Gerade das macht die Situation so gefährlich. Beim russischen Angriff auf die Ukraine war der Schock sofort sichtbar. Pipelines wurden abgedreht, und jedem war klar, dass eine akute Zäsur eingetreten war. Die jetzige Krise wirkt schleichender. Doch genau diese Langsamkeit kann trügerisch sein. Wenn der Ernst der Lage nur allmählich durchsickert, wird oft zu spät reagiert.

Krisenmüdigkeit wird selbst zum Risiko

Der Ökonom Steffen Bukold spricht bereits von der dritten Energiekrise in wenigen Jahren, nach Corona und dem Ukraine-Krieg. Seine Diagnose ist ernüchternd: Die Menschen seien krisenmüde. Genau diese Müdigkeit aber kann selbst zum Problem werden. Wer erschöpft ist von Dauerkrisen, verdrängt neue Risiken eher, statt sich ihnen entschlossen zu stellen.

Diese Reaktion ist menschlich, wirtschaftlich aber brandgefährlich. Denn Energiekrisen lösen sich nicht dadurch, dass man sie ignoriert. Sie verschärfen sich, wenn notwendige Anpassungen aus Bequemlichkeit oder Erschöpfung hinausgeschoben werden. Genau das könnte Deutschland nun teuer zu stehen kommen.

Asien reagiert längst härter als Europa

Während in Deutschland noch stark über Preisentlastungen gesprochen wird, zeigen andere Regionen bereits deutlich schärfere Reaktionen. Laut dem jüngsten Ölbericht der Internationalen Energieagentur gab es die stärksten Rückgänge beim Ölverbrauch zunächst im Nahen Osten und im asiatisch-pazifischen Raum. Dort wurde früher und härter gegengesteuert.

Die wichtigsten Entwicklungen dort:

  • petrochemische Produzenten reduzierten ihre Auslastung
  • Haushalte schränkten ihren Verbrauch ein
  • Flüge fielen aus
  • Regierungen griffen zu Maßnahmen zur Nachfragereduzierung

Das ist ein deutlicher Kontrast zu Deutschland. Während anderswo bereits echte Einsparung organisiert wird, dominiert hier oft noch die Hoffnung, man könne die Krise mit Preisrabatten und kurzfristigen Hilfen politisch abdämpfen.

Im Luftverkehr wächst bereits die Alarmstimmung

Wie ernst die Versorgungslage ist, zeigt auch der Luftverkehr. Eddie Wilson, Chef von Ryanair, wies darauf hin, dass selbst sein Unternehmen nur begrenzt geschützt sei. Ryanair habe nach eigenen Angaben zwar 80 Prozent seines benötigten Flugbenzins gehedgt, sich also kurzfristig gegen Preissteigerungen abgesichert. Doch auch das sei kein dauerhafter Schutz.

Wilson formulierte die Lage in bemerkenswerter Härte: „Natürlich hat es Folgen, wenn 20 Prozent des weltweiten Treibstoffs vom Markt abgeschnitten sind.“ Und weiter: „Und wenn der Krieg im Nahen Osten für immer anhält, dann wird auch Hedging einen nicht retten. Aber dann werden auch generell deutlich weniger Flugzeuge unterwegs sein.“

Das bedeutet im Kern: Wenn die Krise anhält, drohen nicht nur teurere Tickets, sondern echte Einschränkungen im Flugverkehr.

Die deutsche Energiepolitik rächt sich nun

Besonders bitter ist die Lage für die Bundesregierung, weil ihre energiepolitische Linie zuletzt eher wieder stärker auf fossile Energien gesetzt hatte. Wärmepumpen sollten nicht mehr priorisiert werden, Elektroautos wurden nur halbherzig unterstützt. Gerade jetzt wirkt das wie eine strategische Fehlsteuerung.

Denn eine konsequentere Elektrifizierung hätte die Abhängigkeit von Öl und Gas zumindest mittelfristig verringern können. Der Analyst Chris Rosslowe vom Energieinstitut Ember spricht von einer „schmerzhaften Erinnerung“ daran, dass Europas Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen eine strategische Schwachstelle ist und der Hauptgrund für die hohen Energiepreise bleibt.

Auch Steffen Bukold bringt die Lage auf einen einfachen Punkt: „Wir müssen einfach weg von Öl und Gas.“ Diese Aussage wirkt schlicht, trifft aber den Kern. Solange Deutschland an fossilen Importen hängt, bleibt das Land bei jedem geopolitischen Schock verwundbar.

Der eigentliche Ausweg liegt bei billigem Strom

Jan Rosenow hält es für den sinnvolleren Weg, nicht einzelne Technologien mit Einmalprämien zu überschütten, sondern die laufenden Stromkosten zu senken. Denn entscheidend sei, ob sich Wärmepumpen und E-Autos im Alltag wirklich lohnen. Wer Strom günstiger macht, verbessert die Wirtschaftlichkeit elektrischer Alternativen dauerhaft.

Die wichtigsten Hebel wären aus dieser Sicht:

  • Strompreise senken
  • laufende Kosten der Elektrifizierung attraktiver machen
  • steuerliche Anreize so setzen, dass sich elektrisches Heizen und Fahren wirklich lohnt
  • kurzfristige fossile Entlastungen reduzieren
  • die Volkswirtschaft mittelfristig unabhängiger von Importen machen

Das ist kein schneller Ausweg über Nacht. Aber es wäre wenigstens eine strukturelle Antwort statt bloßer Krisenkosmetik.

Deutschland könnte sonst in eine echte Mangellage rutschen

Die Lage ist somit deutlich ernster, als viele es bislang wahrhaben wollen. 20 Prozent weniger Flüssiggasproduktion, wachsender Druck auf Öl, teurere Düngemittel, knappere Rohstoffe, schwächeres Wachstum, höhere Inflation und die reale Diskussion über Rationierung. Das alles zusammen ist nicht bloß eine neue Unannehmlichkeit für Verbraucher, sondern das mögliche Vorzeichen einer tiefen Energie- und Versorgungskrise.

Wenn die Blockade anhält und die Politik weiter vor allem an den Symptomen herumdoktert, könnte Deutschland schon bald nicht nur mit hohen Preisen, sondern mit echter Knappheit konfrontiert sein. Dann würde aus der Energiekrise ein Problem des täglichen Lebens werden, mit weniger Verfügbarkeit, mehr staatlichen Eingriffen und einer spürbaren Einschränkung von Wohlstand und Bewegungsfreiheit.

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