Rohöl verteuert sich sprunghaft
Die dramatische Zuspitzung der Lage im Nahen Osten hat die globalen Energiemärkte empfindlich erschüttert. Hintergrund ist die faktische Blockade der Straße von Hormus, einer der bedeutendsten Transportpassagen für Rohöl weltweit. In der Folge schossen die Notierungen zeitweise um mehr als zehn Prozent nach oben.
Die Nordseesorte Brent verteuerte sich in der Spitze um 13 Prozent auf 82,37 US-Dollar je Barrel und erreichte damit den höchsten Stand seit Januar 2025. Auch das US-Referenzöl WTI legte kräftig zu und kletterte auf 75,33 Dollar – ein Niveau, das zuletzt im Juni 2025 beobachtet wurde.
Im weiteren Verlauf beruhigte sich der Markt etwas, die Kurse blieben jedoch deutlich erhöht. Brent notierte zuletzt bei 78,05 Dollar, was einem Plus von rund 7,5 Prozent entspricht. WTI stand bei 71,52 Dollar pro Barrel. Marktanalysten der Citigroup erwarten kurzfristig einen Brent-Preis zwischen 80 und 90 Dollar.


Tankstellenpreise ziehen an
Die Preisbewegungen auf dem Rohölmarkt spiegeln sich bereits an deutschen Zapfsäulen wider. Nach Angaben des ADAC kostete ein Liter Super E10 im bundesweiten Tagesmittel am Sonntag 1,6 Cent mehr als noch am Freitag. Der Preis für Diesel stieg um 1,3 Cent.
Kraftstoffexperte Christian Laberer äußerte sich besorgt: „Ich befürchte, dass es heute an den Zapfsäulen noch weiter nach oben geht.“ Die vormittäglichen Daten deuteten auf zusätzliche Aufschläge von drei bis vier Cent hin. Ein Vergleich der Preise jeweils um 10.30 Uhr von Freitag bis Montag ergibt für E10 einen Anstieg von fünf Cent, für Diesel sogar von 5,2 Cent.
Sollte sich das hohe Preisniveau am Ölmarkt halten, dürfte sich der Trend fortsetzen.
Heizölpreise explodieren förmlich
Noch deutlicher fällt die Entwicklung im Heizölmarkt aus. Laut Angaben des Vergleichsportals Heizoel24 wurden am Montagvormittag zeitweise mehr als 120 Euro pro 100 Liter verlangt. Am Freitag lagen die Preise noch klar unter 100 Euro.
Gleichzeitig wurde eine außergewöhnlich starke Nachfrage gemeldet, insbesondere am Wochenende. Die Märkte reagieren äußerst nervös, was sich in starken Preisschwankungen im Tagesverlauf zeigt.
Raketenangriffe und blockierte Seeroute
Auslöser der aktuellen Turbulenzen sind militärische Angriffe auf Tanker in der Golfregion. Die iranischen Revolutionsgarden erklärten, sie hätten drei Tanker aus den USA und dem Vereinigten Königreich mit Raketen getroffen. Nach Angaben von Reedereien und Behörden wurden mindestens drei Schiffe beschädigt. Der Tanker „MKD VYOM“ wurde vor der Küste Omans beschossen; ein Crewmitglied kam dabei ums Leben.
Zudem erklärte der Iran die Straße von Hormus für geschlossen. Rund 20 Prozent der weltweiten Öltransporte passieren täglich diese Meerenge. Schiffsdaten zufolge lagen am Sonntag mehr als 200 Schiffe vor der Passage vor Anker.
Reedereien ändern ihre Routen
Die dänische Großreederei Maersk kündigte an, Frachtschiffe wieder um das Kap der Guten Hoffnung zu leiten. Damit verlängern sich die Transportwege erheblich. Hintergrund sind nicht nur die aktuellen Angriffe, sondern auch Drohungen der Huthi-Miliz im Jemen, erneut Handelsschiffe ins Visier zu nehmen.
Bereits zu Jahresbeginn hatte Maersk einzelne Testfahrten durch das Rote Meer unternommen, nun erfolgt erneut die vollständige Umleitung. Das erhöht sowohl Kosten als auch Lieferzeiten.
OPEC+ reagiert mit begrenzter Förderausweitung
Parallel zur Eskalation beschloss das Bündnis OPEC+ eine moderate Erhöhung der täglichen Produktionsmenge um 206.000 Barrel. Offiziell verweist das Kartell auf eine stabile Weltwirtschaft und vergleichsweise niedrige Lagerbestände.
Expertin Helima Croft von RBC Capital wies jedoch auf die Grenzen dieser Maßnahme hin: „Zusätzliche Förderkapazitäten helfen nur bedingt, wenn zentrale Transportwege blockiert sind.“ Die tatsächliche Verfügbarkeit hängt somit weniger von der Produktion als von der Transportfähigkeit ab.
Auch die Internationale Energieagentur (IEA) verfolgt die Entwicklung aufmerksam und signalisiert Bereitschaft, bei Bedarf strategische Reserven freizugeben.
Folgen für Wirtschaft und Verbraucher
Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche versuchte, die Lage einzuordnen. Deutschland beziehe „keine signifikanten Mengen“ Flüssiggas über die Straße von Hormus. Gasimporte erfolgten überwiegend per Pipeline aus Norwegen und Belgien, während Flüssiggas vor allem aus den USA und Kanada stamme.
Dennoch schloss sie höhere Energiepreise nicht aus: „Es kann zu Preissteigerungen kommen.“
Chefvolkswirt Jörg Krämer von der Commerzbank sieht kurzfristig noch keine gravierenden Auswirkungen: „Dauert der Krieg nur wenige Wochen, wäre die Wirtschaft hierzulande faktisch nicht betroffen.“ Bei einer länger anhaltenden Eskalation könne jedoch sowohl die Inflation als auch das Wirtschaftswachstum unter Druck geraten.
Die aktuelle Entwicklung zeigt, wie sensibel die globalen Energiemärkte auf geopolitische Störungen reagieren. Eine Unterbrechung zentraler Handelsrouten hat unmittelbare Konsequenzen – von den Börsen bis zur Zapfsäule.
