Neues Erfassungssystem für 18-Jährige
Seit Januar 2026 gilt in Deutschland eine überarbeitete Regelung zum Wehrdienst. Herzstück des Modells ist ein verpflichtender digitaler Fragebogen für alle 18-jährigen Männer. Ziel ist es, Informationen über körperliche Eignung, Motivation und grundsätzliche Bereitschaft zum Dienst in der Bundeswehr zu sammeln.
Der betreffende Jahrgang umfasst rund 700.000 junge Menschen, darunter Frauen und Männer des Geburtsjahres 2008. Sie erhalten seit Jahresbeginn ein Schreiben mit einem QR-Code, der zu einem Onlineformular führt. Wer sich dort als geeignet einstuft und Interesse signalisiert, kann im nächsten Schritt zu einer Musterung eingeladen werden.
Doch die ersten Zahlen bleiben hinter den Erwartungen zurück.
Rücklauf deutlich unter Plan
Nach Informationen aus Koalitionskreisen haben bislang lediglich rund 50 Prozent der angeschriebenen jungen Männer den Fragebogen ausgefüllt und zurückgesendet. Bei jungen Frauen fällt die Beteiligung noch geringer aus: Nur etwa 6 Prozent haben freiwillig an der Befragung teilgenommen.
Insgesamt wurden bisher mehr als 77.000 Anschreiben verschickt. Da die Schreiben schrittweise versendet werden, befindet sich das Verfahren noch in der Anfangsphase. Jede angeschriebene Person hat einen Monat Zeit, den Fragebogen zu beantworten.
Eine Sprecherin des Bundesverteidigungsministeriums relativierte die aktuellen Zahlen und erklärte wörtlich: „Die ersten Erhebungen können noch keine repräsentativen Ergebnisse oder Prognosen liefern.“ Erst im Verlauf des Jahres seien belastbare Aussagen möglich.
Wie viele der Befragten sich tatsächlich einen Dienst bei der Bundeswehr vorstellen können, ist aus den bisher veröffentlichten Angaben nicht ersichtlich.
Freiwilligkeit bleibt vorerst bestehen
Trotz der neuen Datenerhebung handelt es sich nicht um eine Wiedereinführung der allgemeinen Wehrpflicht. Der Militärdienst bleibt zunächst freiwillig. Eine verpflichtende Musterung aller jungen Männer ist nach derzeitiger Gesetzeslage erst ab 2027 vorgesehen.
Die jetzige Erhebung soll in erster Linie ein realistisches Bild über potenzielle Rekrutinnen und Rekruten vermitteln und die Personalplanung verbessern. Das Instrument dient somit als Frühwarnsystem für künftige Engpässe.
Sollte sich jedoch abzeichnen, dass die Freiwilligenzahlen dauerhaft nicht ausreichen, hält das Gesetz eine sogenannte Bedarfswehrpflicht als Option bereit. Dieses Modell könnte aktiviert werden, um personelle Lücken zu schließen.
Ambitionierte Zielgrößen bis 2035
Die Reform verfolgt klare zahlenmäßige Vorgaben. Derzeit dienen rund 184.000 Soldatinnen und Soldaten in der Bundeswehr. Bis zum Jahr 2035 soll diese Zahl auf zwischen 255.000 und 270.000 steigen.
Das entsprechende Gesetz definiert für jedes Jahr einen Zielkorridor. Offen bleibt allerdings, in welchen Zeitabständen überprüft wird, ob die Etappenziele erreicht werden.
Die Differenz zwischen aktueller Truppenstärke und angestrebtem Maximum beträgt demnach über 80.000 zusätzliche Kräfte. Angesichts der bisherigen Rekrutierungszahlen stellt dies eine erhebliche Herausforderung dar.
Sicherheitspolitischer Hintergrund
Der Personalaufbau steht im Zusammenhang mit gestiegenen sicherheitspolitischen Anforderungen. Die Bundeswehr soll nicht nur ihre Bündnisverpflichtungen innerhalb der NATO erfüllen, sondern auch nationale Verteidigungsfähigkeit ausbauen.
Eine verlässliche Personalreserve gilt dabei als Schlüsselkomponente. Das neue Auswahlverfahren soll helfen, frühzeitig potenziell geeignete Kandidatinnen und Kandidaten zu identifizieren.
Die verhaltene Beteiligung wirft jedoch Fragen auf, wie groß die tatsächliche Bereitschaft in der jungen Generation ist, sich militärisch zu engagieren.
Kontroverse Debatte im Bundestag
Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) hatte zuletzt betont, dass Deutschland langfristig ohne eine generelle Wehrpflicht auskommen könne. Er setzt auf verbesserte Ausbildungsbedingungen, moderne Ausstattung und attraktivere Karrierewege, um junge Menschen freiwillig zu gewinnen.
Diese Einschätzung teilen nicht alle politischen Akteure. Vertreterinnen und Vertreter der CDU/CSU-Bundestagsfraktion äußern Zweifel, ob die ambitionierten Zielmarken allein über Freiwilligkeit erreichbar sind. Auch mehrere Verteidigungsexperten sehen in verbindlicheren Modellen eine mögliche Zukunftsoption.
Die Diskussion dreht sich insbesondere um die Frage, wie Planungssicherheit gewährleistet werden kann, falls die freiwillige Beteiligung dauerhaft unter den Erwartungen bleibt.
Fragebogen als Testinstrument
Der verpflichtende Fragebogen gilt als erster Gradmesser für die Akzeptanz der Reform. Er erfasst neben gesundheitlichen Angaben auch persönliche Einstellungen und Zukunftsvorstellungen.
Ob die derzeitige Rücklaufquote von rund 50 Prozent bei jungen Männern ein temporäres Phänomen oder ein strukturelles Problem darstellt, lässt sich aktuell nicht abschließend beurteilen. Das Verteidigungsministerium verweist darauf, dass weitere Anschreiben folgen und die Bekanntheit des Verfahrens zunimmt.
Fest steht jedoch, dass die geplante Aufstockung der Truppenstärke maßgeblich davon abhängen wird, ob genügend junge Menschen für einen freiwilligen Dienst gewonnen werden können oder ob zusätzliche verpflichtende Elemente notwendig werden.
