Temperatursturz bis minus 50 Grad setzt Kontinent unter Druck
Eine außergewöhnlich heftige Kälteoffensive aus der Arktis hat Kanada und große Teile der USA erfasst und bringt den gesamten Kontinent an seine Belastungsgrenze. Meteorologen sprechen von einer der schärfsten Kältephasen der letzten Jahre. In mehreren Regionen Kanadas fallen die gefühlten Temperaturen auf bis zu minus 50 Grad Celsius, begleitet von eisigem Wind und anhaltender Dauerfrostlage.
Environment Canada reagierte mit flächendeckenden Warnungen der Warnstufe Orange für Saskatchewan und Manitoba sowie weite Teile des Nordwestens von Ontario. Diese Einstufung wird nur ausgesprochen, wenn gravierende Auswirkungen auf Gesundheit, Infrastruktur und den Alltag zu erwarten sind. Laut Wetterdienst handelt es sich um eine mehrtägige Extremkälteperiode, deren Ende derzeit nicht absehbar ist.

„Extreme Kälte bringt jeden in Gefahr“
Die kanadischen Behörden schlagen Alarm. In einer offiziellen Mitteilung heißt es unmissverständlich: „Extreme Kälte bringt jeden in Gefahr.“ Bereits wenige Minuten im Freien können zu Erfrierungen führen, selbst bei Schutzkleidung. Die Bevölkerung wird aufgefordert, Aufenthalte im Freien strikt zu begrenzen, mehrere isolierende Kleidungsschichten zu tragen und Gebäude konsequent gegen Kälte abzudichten.
Auch Haustiere sollen nicht nach draußen gelassen werden. Heizsysteme müssten zuverlässig funktionieren, Fenster und Türen dicht sein, um Energieverluste zu vermeiden. Die Situation stellt nicht nur Menschen, sondern auch Versorgungsnetze vor enorme Herausforderungen.
Kälte hält auch Zentral- und Ostkanada im Griff
Entspannung ist auch in anderen Landesteilen nicht in Sicht. Über Ontario und weiten Teilen von Québec liegt weiterhin eine massive arktische Luftmasse. In zentralen Regionen Ontarios gelten Warnungen mit Windchill-Werten zwischen minus 40 und minus 45 Grad. Selbst im Süden der Provinz, nahe des Großraums Toronto, fühlen sich Temperaturen von minus 30 bis minus 33 Grad an.
In Québec rechnen Meteorologen mit gefühlten Werten von minus 35 bis minus 40 Grad. Krankenhäuser, Pflegeeinrichtungen und Rettungsdienste befinden sich im Dauereinsatz, da die Zahl kältebedingter Notfälle steigt.
Atlantikprovinzen vor eisigem Wochenende
Auch die Maritimes geraten zunehmend unter Druck. In New Brunswick erwarten die Wetterdienste ab Samstag Temperaturen zwischen minus 30 und minus 37 Grad Celsius. Besonders der Nordwesten der Provinz dürfte bis Sonntag im Zentrum der Kälte liegen. Kommunen öffnen zusätzliche Wärmestuben, während Behörden vor Stromausfällen und vereisten Straßen warnen.
Gigantischer Wintersturm rollt über die USA
Zeitgleich steuert ein gewaltiges Wintersturm-System auf die USA zu. Nach aktuellen Prognosen stehen rund 177 Millionen Menschen unter Eis- und Schneewarnungen, während über 200 Millionen zusätzlich Kältewarnungen ausgesetzt sind. Besonders brisant ist die Überlagerung mehrerer Gefahrenlagen von Texas bis Neuengland.
Meteorologen warnen, dass die Schäden in stark vereisten Regionen das Ausmaß schwerer Naturkatastrophen erreichen könnten. Eisregen, Schneefall und extreme Kälte treffen vielerorts gleichzeitig auf veraltete Infrastruktur.
Schulschließungen und Stillstand im Alltag
Im Mittleren Westen der USA hat die arktische Luft bereits massive Folgen. In Chicago blieben Schulen geschlossen, da Windchill-Werte von bis zu minus 40 Grad Fahrenheit das Warten auf Schulbusse lebensgefährlich machen würden. Erfrierungen können unter solchen Bedingungen innerhalb von zehn Minuten eintreten.
In Bismarck, North Dakota, zeigte das Thermometer am Morgen eine gefühlte Temperatur von minus 41 Grad Fahrenheit. Der Hausmeister Colin Cross schilderte die Belastung so: „Ich bin lange hier, aber irgendwann setzt das Denken einfach aus.“ Trotz mehrerer Kleidungsschichten wurde selbst einfache Arbeit zur Qual.
Eis bedroht Stromnetze und Versorgung
Besonders kritisch ist die Lage im Süden der USA. Eis kann Leitungen und Äste mit mehreren hundert Kilogramm zusätzlich belasten. Bereits geringe Windböen reichen aus, um Strommasten und Bäume zum Einsturz zu bringen.
In Texas wurden Schulen in Houston geschlossen, während Energieversorger tausende zusätzliche Arbeitskräfte mobilisierten. Bürgermeister John Whitmire erklärte: „Alles, was wir haben, ist im Einsatz. Wir hoffen auf das Beste, sind aber auf das Schlimmste vorbereitet.“
Flugchaos und logistische Probleme
Der Wintersturm bringt auch den Luftverkehr ins Wanken. Landesweit wurden über 1.000 Flüge gestrichen oder verspätet, mehr als die Hälfte davon im Raum Dallas. Für den folgenden Tag kündigten Flugtracker bereits über 1.400 weitere Annullierungen an, besonders rund um Atlanta, einen der verkehrsreichsten Flughäfen der Welt.
Erinnerungen an frühere Katastrophen
Die aktuelle Lage weckt Erinnerungen an den verheerenden Kälteeinbruch vor fünf Jahren, als in Texas große Teile des Stromnetzes kollabierten. Millionen Haushalte waren tagelang ohne Energie, hunderte Menschen kamen ums Leben. Gouverneur Greg Abbott betonte nun, ein solches Szenario dürfe sich nicht wiederholen.
Auch Wasserleitungen stehen landesweit unter Gefahr. In Atlanta, wo Temperaturen von minus 12 Grad Celsius und über 36 Stunden Dauerfrost erwartet werden, bereiten sich Handwerksbetriebe auf einen Ausnahmezustand vor. Installateurin Melissa Cary sagte: „Wir arbeiten durchnässt, mit tauben Fingern und Zehen. Ohne heiße Suppe und Kakao geht es nicht.“
Menschen suchen Schutz und Wärme
Viele Menschen ziehen sich vollständig zurück oder suchen Schutzräume. Der obdachlose Eliacar Diego versuchte in Atlanta, einen städtischen Wärmeraum zu erreichen. Seine Worte fassen die Lage zusammen: „Ich muss dieses Wochenende einfach überstehen.“
Auch Studierende reagieren pragmatisch. An der University of Georgia blieben viele trotz offizieller Empfehlungen auf dem Campus. Studentin Eden England erklärte: „Ob hier oder zu Hause – es wird hart. Dann lieber gemeinsam mit Freunden.“
