Dollar gerät nach Waffenruhe spürbar unter Druck

Von Heinz Gerhard Schwind
dollar-gerät-nach-waffenruhe-spürbar-unter-druck

Der Krisenvorteil der US-Währung schwindet vorerst

Am internationalen Devisenmarkt hat sich die Stimmung innerhalb weniger Tage deutlich verändert. Der US-Dollar, der in der heißesten Phase des Iran-Kriegs noch als bevorzugter Zufluchtsort galt, verliert inzwischen klar an Boden. Seit der Verkündung der Waffenruhe ziehen sich viele Anleger wieder aus der amerikanischen Währung zurück. Damit schmilzt genau jener Sicherheitsaufschlag ab, der den Dollar in geopolitisch angespannten Zeiten normalerweise stärkt.

Besonders sichtbar wird das beim Dollar-Index, der den Greenback im Verhältnis zu mehreren wichtigen Leitwährungen abbildet. Zur Mittagszeit stand dieser Index bei 98,94 Punkten und damit auf Wochensicht rund 1,3 Prozent tiefer. Sollte dieses Niveau bis zum Wochenende halten, wäre es der stärkste Wochenverlust seit Januar. Für den Markt ist das ein klares Zeichen. Die Angst vor einem extremen Krisenausgang hat nachgelassen, und mit ihr sinkt auch das Bedürfnis, Kapital in die US-Währung zu parken.

Während des Krieges suchten viele Investoren Schutz im Greenback

Die jüngste Bewegung folgt einem bekannten Muster. Solange die Auseinandersetzung zwischen den USA und dem Iran jederzeit weiter eskalieren konnte, griffen viele Marktteilnehmer verstärkt zum Dollar. In Phasen großer Unsicherheit gilt die amerikanische Währung traditionell als Schutzraum, weil sie mit der wirtschaftlichen Stärke und der finanziellen Tiefe der Vereinigten Staaten verbunden wird.

Genau davon profitierte der Dollar während der Phase größter Nervosität. Nun läuft dieser Mechanismus in die andere Richtung. Sobald die unmittelbare Gefahr eines noch größeren militärischen und wirtschaftlichen Schocks zurückgeht, wird der Dollar als Krisenschutz weniger stark gebraucht. Geld fließt dann wieder in andere Währungen und Anlageklassen. Genau dieser Umschwung prägt derzeit das Bild am Markt.

Der Markt bewertet das Extremrisiko neu

Der Devisenstratege Jason Wong von BNZ beschreibt diese Entwicklung sehr treffend. Er erklärte: „Die Leute kauften den US-Dollar, als der Krieg am heftigsten war, und jetzt verkaufen sie ihn, da das Risiko eines wirklich schlimmen Ausgangs deutlich nachgelassen hat.“ Damit bringt er das Zentrum der aktuellen Bewegung auf den Punkt.

Entscheidend ist dabei, dass die Märkte keine vollständige Entwarnung einpreisen. Sie handeln vielmehr die veränderte Wahrscheinlichkeit eines schweren Eskalationsszenarios. Gerade dieser Unterschied ist wichtig. Es geht nicht darum, dass sämtliche Risiken verschwunden wären. Es geht darum, dass die Furcht vor dem denkbar schlimmsten Verlauf vorläufig kleiner geworden ist. Bereits das genügt, um den Dollar spürbar zu belasten.

Die Feuerpause verändert vor allem die Stimmung

Nach Einschätzung von Wong ist die Waffenruhe vor allem psychologisch von großer Bedeutung. Er sagte: „Auch wenn die Lage noch etwas unsicher erscheint, ist die Waffenruhe, die dieses letzte Risiko beseitigt, für die Stimmung wichtig.“ Genau darin liegt der Kern der jetzigen Marktreaktion. Die Feuerpause verändert nicht nur die politische Lage auf dem Papier, sondern vor allem die Wahrnehmung von Gefahr.

Am Devisenmarkt wirken solche Stimmungsänderungen oft sehr schnell. Währungen werden nicht ausschließlich von Konjunkturdaten oder Zinssignalen bewegt, sondern in Krisenzeiten auch stark von geopolitischen Erwartungen. Wenn ein zentrales Risiko vorübergehend entschärft wird, verlagern sich Kapitalströme in kurzer Zeit. Der Dollar steht daher aktuell nicht wegen einer fundamentalen Schwäche der US-Wirtschaft unter Druck, sondern weil ein zuvor stark bewerteter Krisenfaktor an Schärfe verloren hat.

Der Euro nutzt die Dollar-Schwäche konsequent aus

Von dieser Entwicklung profitiert vor allem der Euro. Die Gemeinschaftswährung stieg zuletzt auf 1,1707 US-Dollar und kommt damit auf ein Wochenplus von rund 1,7 Prozent. Für einen so großen und liquiden Währungsraum ist das ein bemerkenswerter Anstieg. Er zeigt, dass der Markt die veränderte Risikolage nicht nur zaghaft, sondern sehr deutlich in die Kurse einarbeitet.

Dass der Euro gegenüber dem Dollar zulegt, passt in das aktuelle Gesamtbild. Wenn der Dollar als Krisenwährung an Attraktivität einbüßt, profitieren andere große Währungen automatisch davon. Der Euro gewinnt dabei nicht nur durch die Schwäche des Greenback, sondern auch durch die allgemein bessere Marktstimmung, die mit der Waffenruhe einhergeht.

Von einer dauerhaften Dollar-Wende kann noch keine Rede sein

Trotz des klaren Wochenverlusts bleibt die Situation empfindlich. Wong weist ausdrücklich darauf hin, dass sich das Bild sehr schnell wieder verändern könne. Sollten die für das Wochenende erwarteten Friedensgespräche keine greifbaren Fortschritte bringen, könnte die Stimmung rasch erneut kippen.

Genau darin liegt der entscheidende Vorbehalt. Die derzeitige Entspannung ist real, aber keineswegs abgesichert. Wenn die Waffenruhe nicht trägt oder die Gespräche scheitern, könnte der Dollar sofort wieder als sicherer Hafen gesucht sein. Der Markt hat das größte Risiko vorläufig reduziert, aber er hat es nicht vollständig aus dem System entfernt.

Der Devisenhandel bleibt fest im Griff der Politik

Die jüngsten Bewegungen zeigen sehr deutlich, wie stark der Währungsmarkt derzeit von geopolitischen Entwicklungen bestimmt wird. Normalerweise stehen dort Zinsdifferenzen, Konjunkturdaten und geldpolitische Signale im Vordergrund. Im Moment dominiert jedoch die Frage, ob die Waffenruhe im Iran-Konflikt tragfähig ist und ob aus ihr eine ernsthafte diplomatische Entspannung entsteht.

Dass der Dollar-Index innerhalb einer Woche um 1,3 Prozent fällt und der Euro gleichzeitig 1,7 Prozent gewinnt, ist deshalb weit mehr als eine gewöhnliche Marktschwankung. Es ist Ausdruck einer neuen Risikoeinschätzung. Der Dollar verliert einen Teil seines Sicherheitsstatus, weil die Wahrscheinlichkeit eines extremen Ausgangs kleiner geworden ist. Doch diese Neubewertung bleibt vorläufig.

Die Wochenentwicklung ist eindeutig, aber verletzlich

Die Bilanz der Woche spricht bislang eine klare Sprache. Der Dollar gibt nach, weil der größte Schockmoment nachgelassen hat. Der Euro legt zu, weil die Risikobereitschaft vorsichtig zurückkehrt. Mit 98,94 Punkten im Dollar-Index, einem Wochenminus von 1,3 Prozent und einem Eurokurs von 1,1707 Dollar ist die Richtung eindeutig.

Trotzdem bleibt die Lage hochsensibel. Die Waffenruhe hat die US-Währung geschwächt, aber keineswegs dauerhaft entmachtet. Viel wird nun davon abhängen, ob die Gespräche am Wochenende tatsächlich vorankommen. Bis dahin bleibt der Devisenmarkt in einer Phase vorsichtiger Erleichterung, aber ohne jeden verlässlichen Schutz vor einer erneuten Gegenbewegung.

DAS KÖNNTE SIE AUCH INTERESSIEREN

Über uns

RMK Marketing Inc.
41 Lana Terrace, Mississauga, Ontario L5A 3B2, Kanada​

Besondere Beiträge

© Copyright 2024 Borse Market. All Rights Reserved.