Der US-Währung brechen mehrere Stützen gleichzeitig weg
Am Devisenmarkt verdichtet sich der Eindruck, dass der US-Dollar vor einer längeren Schwächephase stehen könnte. Mehrere Entwicklungen sprechen inzwischen gleichzeitig gegen den Greenback. Zum einen scheint das größte geopolitische Risiko im Zusammenhang mit dem Iran-Krieg vorerst überschritten zu sein. Genau von dieser Unsicherheit hatte der Dollar zuvor stark profitiert. Wenn die Angst vor dem schlimmsten Szenario nachlässt, verliert die amerikanische Währung einen wichtigen Schutzvorteil.


Zum anderen ist auch der frühere Renditevorsprung der USA nicht mehr in derselben Form vorhanden wie in den vergangenen Jahren. Der Dollar wurde lange nicht nur als sicherer Hafen, sondern auch wegen seines attraktiven Zinsumfelds bevorzugt. Wenn beides gleichzeitig an Kraft verliert, wird die Währung für Investoren deutlich weniger interessant. Genau daraus entsteht derzeit ein gefährlicher Mix für den Dollar.
Die Deutsche Bank sieht weiteres Abwärtspotenzial
Besonders klar äußert sich dazu George Saravelos von der Deutschen Bank. Er geht davon aus, dass sich die Schwäche des Dollar noch fortsetzen könnte. Seine Einschätzung stützt sich dabei auf mehrere Faktoren, die sich gegenseitig verstärken.
Nach seiner Sicht deuten die jüngsten Entwicklungen darauf hin, dass der Markt die größten Kriegsrisiken im Iran-Konflikt inzwischen hinter sich sieht. Damit schrumpft die Nachfrage nach dem Dollar als Krisenwährung. Gleichzeitig ist der frühere Hochzinsstatus des Greenback weitgehend verloren gegangen. Für den Währungsmarkt ist das eine heikle Kombination. Denn wenn eine Leitwährung zugleich ihren Sicherheitsbonus und ihren Renditevorteil einbüßt, wächst der Druck meist spürbar.
Die US-Notenbank dürfte stillhalten, andere Zentralbanken nicht
Ein zentraler Punkt in Saravelos’ Argumentation betrifft die Geldpolitik. Aus seiner Sicht dürfte die Federal Reserve ihre Zinsen in diesem Jahr unverändert lassen. Andere Zentralbanken dagegen könnten die Zinsen weiter anheben. Genau daraus ergibt sich ein neues Kräfteverhältnis auf dem Devisenmarkt.
Lange Zeit war der Dollar auch deshalb besonders stark, weil Kapital in die USA floss, um dort von einem höheren Zinsniveau zu profitieren. Wenn dieser Vorteil schwindet, verändert sich die Attraktivität amerikanischer Anlagen. Andere Währungsräume können dann aufholen oder sogar interessanter wirken. Für den Dollar ist das problematisch, weil ein Teil seiner Stärke direkt an diese Renditedifferenz gekoppelt war.
Gerade am Währungsmarkt schlagen solche Veränderungen oft schnell durch. Anleger reagieren sehr sensibel auf das Verhältnis von Risiko, Rendite und Wachstumsaussichten. Wenn die USA hier an Überlegenheit verlieren, verliert oft auch der Dollar an Rückhalt.
Der amerikanische Konsum steht stärker unter Druck
Hinzu kommt aus Sicht der Deutschen Bank eine wirtschaftliche Schwäche aufseiten der Vereinigten Staaten. US-Verbraucher seien stärker von Einkommensverlusten betroffen als viele asiatische Volkswirtschaften. Dort wirke die Fiskalpolitik stützend und verschaffe den Haushalten mehr Rückhalt.
Diese Einschätzung ist deshalb wichtig, weil der private Konsum in den USA eine zentrale Rolle für die wirtschaftliche Stabilität spielt. Wenn die Verbraucher stärker unter Druck geraten, wirkt sich das nicht nur auf die Binnenkonjunktur aus, sondern auch auf die Wahrnehmung der wirtschaftlichen Stärke des Landes. Für den Dollar ist das unerquicklich, weil Währungen auf Dauer nicht nur von Zinspolitik, sondern auch von Vertrauen in die gesamtwirtschaftliche Entwicklung getragen werden.
Der Yuan gewinnt im Ölhandel an Bedeutung
Besonders brisant ist ein weiterer Punkt, weil er über kurzfristige Marktbewegungen hinausreicht. Laut Saravelos gibt es eine zunehmende Verlagerung hin zum chinesischen Yuan, wenn es um die Bewertung und den Handel von Öl geht. Das ist strategisch bedeutsam. Denn die Dominanz des Dollar auf den Weltmärkten hängt seit Jahrzehnten eng damit zusammen, dass Rohstoffe, vor allem Öl, in Dollar gehandelt werden.
Wenn sich an dieser Stelle schrittweise Veränderungen ergeben, betrifft das den Kern der internationalen Währungsordnung. Es geht dann nicht mehr nur um tägliche Kursschwankungen, sondern um die Frage, ob der Dollar langfristig einen Teil seiner globalen Sonderrolle verliert. Noch ist das kein radikaler Umbruch. Aber schon die Richtung ist für die USA und ihre Währung äußerst unangenehm.
Die Deutsche Bank rät offen zum Verkauf des Dollar-Index
Aus diesen Faktoren leitet Saravelos eine bemerkenswert klare Empfehlung ab. Wörtlich sagt er: „Wir empfehlen den Verkauf des DXY-Dollar-Index in Erwartung einer breit angelegten Dollarschwäche auf neue Zyklustiefs und eines eventuellen Durchbruchs des Euro über 1,20 US-Dollar.“
Diese Aussage ist ungewöhnlich deutlich. Sie beschreibt nicht einfach nur eine leichte Korrektur, sondern stellt eine breitere und tiefere Abwertung des Dollar in Aussicht. Besonders auffällig ist dabei die Formulierung „neue Zyklustiefs“. Damit ist gemeint, dass die US-Währung auf neue Tiefstände innerhalb des laufenden Marktzyklus fallen könnte. Für den Markt ist das ein starkes Signal.
Der Euro gewinnt an Stärke und nähert sich einer wichtigen Marke
Die jüngsten Kursbewegungen untermauern diese Einschätzung bereits teilweise. Der DXY-Dollar-Index fiel um 0,3 Prozent auf 98,058 Punkte. Gleichzeitig stieg der Euro ebenfalls um 0,3 Prozent auf 1,1797 US-Dollar.
Damit rückt die Schwelle von 1,20 US-Dollar für die Gemeinschaftswährung in greifbare Nähe. Diese Marke besitzt nicht nur charttechnische, sondern auch psychologische Bedeutung. Sollte der Euro sie überschreiten, wäre das ein klares Signal dafür, dass der Markt den Dollar nicht mehr nur vorübergehend schwach, sondern strukturell angeschlagen sieht.
Aus mehreren Belastungen entsteht ein gefährlicher Trend
Die aktuelle Schwäche des Dollar hat damit nicht nur eine Ursache, sondern mehrere zugleich. Die geopolitische Risikoprämie geht zurück. Der Zinsvorteil der USA schmilzt. Die amerikanischen Verbraucher stehen stärker unter Druck als Teile Asiens. Und zugleich zeigt sich eine schleichende Verschiebung im Ölhandel weg vom Dollar.
Gerade diese Ballung macht die Lage für den Greenback so heikel. Einzelne Belastungen lassen sich oft auffangen. Wenn jedoch mehrere Stützen gleichzeitig wegbrechen, wächst die Gefahr, dass aus einer normalen Schwächephase ein nachhaltiger Trend wird. Genau das scheint der Markt derzeit immer ernster in Betracht zu ziehen.
