Gesundheitsreform greift tief in den Alltag ein

Von Heinz Gerhard Schwind
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Warken kündigt einen harten Sparkurs für das System an

Die geplante Gesundheitsreform nimmt konkrete Formen an und dürfte Millionen Versicherte unmittelbar treffen. Gesundheitsministerin Nina Warken will nach eigenen Angaben bereits im kommenden Jahr rund 20 Milliarden Euro einsparen. Der politische Anspruch ist enorm, denn die Einschnitte sollen nahezu alle Bereiche des Systems erfassen: Kliniken, Pharmaunternehmen, Ärzte, Krankenkassen und nicht zuletzt die Versicherten selbst.

Warken macht dabei keinen Hehl daraus, wie ernst sie die Lage einschätzt. Gelingt die Reform nicht, droht aus ihrer Sicht eine weitere massive Belastung der Beitragszahler. Bereits heute liegen die durchschnittlichen Kassenbeiträge bei 17,73 Prozent und damit auf Rekordniveau. Genau an diesem Punkt setzt die Reform an. Sie soll die Kostenentwicklung bremsen und gleichzeitig verhindern, dass der Druck auf Arbeitnehmer und Arbeitgeber weiter steigt.

66 Sparvorschläge bilden die Grundlage des Umbaus

Die Reform stützt sich auf insgesamt 66 Vorschläge einer Expertenkommission. Warken erklärte, man wolle mehr als drei Viertel dieser Maßnahmen umsetzen. Schon diese Zahl zeigt, dass es sich nicht um einzelne Korrekturen handelt, sondern um einen tiefen Umbau des Systems.

Der politische Plan ist klar. Die Ministerin will bis Ende April einen Gesetzentwurf ins Kabinett einbringen. Das bedeutet: Aus der Debatte über mögliche Einschnitte wird jetzt ein konkretes Gesetzesvorhaben. Für das Gesundheitswesen ist das ein Warnsignal, denn viele der angekündigten Maßnahmen greifen unmittelbar in Leistungen, Finanzierungslogik und bisherige Sicherheiten ein.

Versicherte sollen bei Medikamenten und Klinikaufenthalten mehr zahlen

Besonders spürbar wird die Reform für Patienten bei den Zuzahlungen. Die Eigenbeteiligung für verschreibungspflichtige Medikamente soll deutlich steigen. Bislang sind dafür mindestens fünf Euro und höchstens zehn Euro fällig. Künftig sollen es mindestens 7,50 Euro und maximal 15 Euro sein.

Damit erhöht sich die Belastung nicht nur symbolisch, sondern im Alltag sehr konkret. Wer regelmäßig Medikamente benötigt, wird diese Veränderung direkt auf dem Kontoauszug sehen. Auch Krankenhausaufenthalte sollen teurer werden. Damit setzt die Reform bewusst auf stärkere Eigenbeteiligung der Versicherten. Politisch ist das brisant, weil gerade chronisch Kranke, ältere Menschen und Familien mit regelmäßigem Behandlungsbedarf stärker betroffen sein dürften als andere.

Die kostenlose Mitversicherung für Ehepartner wird massiv eingeschränkt

Ein besonders heikler Punkt ist die geplante Neuregelung der Mitversicherung von Ehepartnern. Bislang ist diese in vielen Fällen beitragsfrei möglich. Nach Warkens Plänen soll das künftig nur noch in Ausnahmefällen gelten. Genannt werden Eltern von Kindern unter sieben Jahren, Eltern von Kindern mit Behinderungen, pflegende Angehörige sowie Menschen im Rentenalter.

Für alle anderen soll ein einkommensabhängiger Beitrag fällig werden. Das ist ein gravierender Einschnitt. Denn damit wird ein lange bestehendes Prinzip des Systems deutlich zurückgeschnitten. Für zahlreiche Haushalte könnte das spürbare Mehrkosten bedeuten. Gerade Familien und Einverdienerhaushalte dürften diese Änderung als besonders empfindlich wahrnehmen.

Leistungen ohne belegbaren Nutzen sollen gestrichen werden

Warken stellt die Reform auch unter das Leitmotiv, dass Leistungen einen klaren medizinischen Nutzen haben müssen. Sie sagte: „Leistungen müssen für Versicherte einen nachweisbaren Nutzen haben.“ Dieser Satz hat weitreichende Folgen, weil er die Tür für den Abbau bislang finanzierter Angebote öffnet.

Konkret soll Homöopathie nicht länger von den Kassen bezahlt werden. Auch anlassloses Hautkrebs-Screening steht vor dem Aus. Damit verfolgt die Ministerin eine klare Linie: Was aus Sicht der Reform keinen ausreichend belegten Nutzen hat, soll nicht mehr zulasten der Solidargemeinschaft finanziert werden. Das wirkt auf den ersten Blick rational, ist politisch aber hochsensibel, weil viele Versicherte solche Leistungen bislang als selbstverständlichen Teil ihres Kassenangebots betrachtet haben.

Ärzte, Kliniken und Pharmafirmen bekommen eine harte Ausgabenbremse

Die Reform beschränkt sich nicht auf die Versicherten. Auch Leistungserbringer sollen massiv unter Druck gesetzt werden. Künftig sollen die Krankenkassen für ärztliche Versorgung, Krankenhäuser und Medikamente nur noch so viel ausgeben dürfen, wie sie tatsächlich einnehmen. Damit wird eine strikte Grenze eingezogen, die das Ausgabenwachstum direkt an die Einnahmeseite koppelt.

Die Folgen sind erheblich. Honoraranstiege für Ärzte sollen begrenzt werden. Pharmaunternehmen sollen den Krankenkassen höhere Rabatte gewähren. Kliniken wiederum sollen bestimmte Kosten nicht mehr gesondert abrechnen dürfen. Als Beispiel nannte die Debatte die Pflegekosten, die nicht länger extra in Rechnung gestellt werden sollen.

Damit entsteht ein regelrechter Kostendeckel für das gesamte System. Für Ärzte, Krankenhäuser und Pharmaunternehmen ist das ein harter Einschnitt, weil wirtschaftlicher Spielraum verloren geht und steigende Kosten nicht mehr automatisch weitergegeben werden können.

Die Reform soll den Beitragsanstieg stoppen

Trotz der vielen Zumutungen verkauft die Ministerin das Paket als Schutz vor noch größeren Belastungen. Ziel ist es, einen weiteren Anstieg der Beiträge im kommenden Jahr zu verhindern. Mehr noch: Warken macht sogar Hoffnung auf sinkende Kassenbeiträge, falls das Sparprogramm stärker wirkt als nötig.

Nach ihren Angaben könnte sich 2027 theoretisch ein Puffer von fünf Milliarden Euro ergeben. Wörtlich sagte sie: „Wenn der Puffer nicht nötig ist, umso besser, weil dann auch die Beiträge sinken können.“ Diese Aussage soll Zuversicht vermitteln. Sie zeigt aber zugleich, wie tief die Reform in das System eingreifen muss, um überhaupt solche Spielräume zu schaffen.

Die Reform verspricht Stabilität und erzeugt zugleich sozialen Sprengstoff

Die politische Logik hinter dem Vorhaben ist eindeutig. Das Gesundheitswesen soll finanziell stabilisiert werden, bevor die Belastung für Beitragszahler völlig aus dem Ruder läuft. Doch genau dieser Stabilisierungsversuch birgt sozialen Sprengstoff. Höhere Zuzahlungen, eingeschränkte Mitversicherung, gestrichene Leistungen und eine harte Ausgabenbremse für Ärzte und Kliniken bedeuten, dass fast jeder Bereich des Systems Abstriche machen muss.

Gerade deshalb ist die Reform so brisant. Sie verteilt die Last nicht auf einen einzelnen Sektor, sondern auf das gesamte Gefüge der gesetzlichen Krankenversicherung. Für die Regierung ist das ein Kraftakt. Für die Bürger ist es die Aussicht auf ein Gesundheitssystem, das künftig spürbar strenger, teurer und weniger großzügig sein könnte.

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