Aus bei Melitta: Papierwerk nach 226 Jahren geschlossen

Von Heinz Gerhard Schwind
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Ein historischer Industriestandort verschwindet

Mit der Schließung der Papierfabrik im mecklenburgischen Neu Kaliß endet eine außergewöhnlich lange industrielle Erfolgsgeschichte. Der Standort, dessen Ursprünge bis ins Jahr 1799 zurückreichen, wird zum 31. März endgültig stillgelegt. Über zwei Jahrhunderte hinweg wurde dort Papier hergestellt, ab 1871 sogar maschinell. Selbst Kriege, Enteignungen und politische Umbrüche konnten den Betrieb nicht dauerhaft stoppen. Nun fällt erstmals endgültig das Aus für einen Standort, der Generationen von Arbeitnehmern geprägt hat.

115 Beschäftigte verlieren ihren Arbeitsplatz

Von der Entscheidung der Melitta-Gruppe sind 115 Beschäftigte unmittelbar betroffen. Das Unternehmen betont, dass keine Insolvenz vorliege und die Schließung Teil einer unternehmerischen Neuausrichtung sei. Für die Region bleibt der Einschnitt dennoch erheblich. Neu Kaliß war wirtschaftlich und sozial eng mit dem Werk verbunden, das über Jahrzehnte hinweg ein stabiler Arbeitgeber war.

Spezialpapiere für internationale Märkte

In der Fabrik wurden überwiegend hochwertige Spezialpapiere gefertigt. Dazu zählten Kaffeefilterpapiere, Tapetenvliese, Bier- und Tassendeckchen, Krepppapiere für medizinische Anwendungen und Großbäckereien sowie sogenannte Verdunsterpapiere. Die Produkte waren fester Bestandteil internationaler Lieferketten und wurden an Kunden im In- und Ausland ausgeliefert.

Weltmarktführer mit globalem Netzwerk

Die Schließung eines einzelnen Werks ändert nichts an der globalen Stärke des Konzerns. Die Melitta-Gruppe mit Sitz in Minden in Nordrhein-Westfalen betreibt weltweit 59 Standorte auf fünf Kontinenten. Das Unternehmen gilt als Weltmarktführer im Bereich Kaffeefilter, seine Produkte sind in 86 Ländern erhältlich. Trotz stabiler Ertragslage zeigt die Entscheidung jedoch, wie schwierig industrielle Produktion am Standort Deutschland geworden ist.

Rohstoffpreise als zentrales Kostenproblem

Ein wesentlicher Belastungsfaktor waren die stark gestiegenen Preise für Zellstoff und Altpapier. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts verteuerte sich Zellstoff zwischen Januar und September 2021 um rund 45 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Noch gravierender fiel der Anstieg bei Altpapier aus. Die Großhandelspreise lagen zeitweise über 220 Prozent höher als im Vorjahr. Auch wenn es zwischenzeitlich zu Schwankungen kam, blieb das Kostenniveau dauerhaft erhöht.

Energiepreise verschärfen den Wettbewerbsdruck

Zusätzlich trafen steigende Energiepreise die Papierindustrie besonders hart. Papierherstellung zählt zu den energieintensivsten Produktionsprozessen überhaupt. Strom und Gas machten zuletzt einen immer größeren Anteil der Gesamtkosten aus. Ältere Werke wie Neu Kaliß lassen sich zudem nur eingeschränkt modernisieren, was ihre Wettbewerbsfähigkeit weiter schwächte.

EU Regulierungen erhöhen den administrativen Aufwand

Ein weiterer Belastungsfaktor sind neue europäische Vorgaben. Die sogenannte EU Entwaldungsverordnung EUDR verpflichtet Papierhersteller seit 2025, lückenlose Nachweise über die Herkunft des verwendeten Holzes zu erbringen. Ab Juni 2026 gelten diese Pflichten auch für kleine und mittlere Unternehmen. Gefordert werden unter anderem exakte Geodaten, Angaben zu Erntezeitpunkten und umfassende Dokumentationen entlang der gesamten Lieferkette. Der bürokratische Aufwand ist hoch und verursacht erhebliche Zusatzkosten.

Hinzu kommen weitere EU Regelwerke wie die Lieferkettenrichtlinie CSDDD und die Verpackungsverordnung PPWR, die die Anforderungen an Unternehmen weiter verschärfen.

Digitalisierung senkt langfristig die Nachfrage

Parallel zu den Kostensteigerungen leidet die Branche unter einem strukturellen Nachfragerückgang. Die fortschreitende Digitalisierung hat den Bedarf an klassischen Papierprodukten über Jahre hinweg reduziert. Dieser Trend schwächt die Ertragsbasis zusätzlich und erschwert Investitionen in bestehende Produktionsstandorte.

Teil einer branchenweiten Entwicklung

Die Schließung in Neu Kaliß ist kein Einzelfall. Bereits im Dezember musste die traditionsreiche Papierfabrik Feldmühle aus Uetersen, gegründet 1904, Insolvenz anmelden. Immer mehr Hersteller geraten unter Druck, da hohe Kosten, sinkende Nachfrage und wachsende Regulierung zusammenkommen.

Signalwirkung für den Industriestandort

Dass selbst ein wirtschaftlich gesunder Weltmarktführer wie Melitta einen traditionsreichen Standort aufgibt, wird von vielen Beobachtern als Warnsignal gewertet. Die Kombination aus hohen Energiepreisen, steigender Bürokratie und strukturellem Wandel stellt den Industriestandort Deutschland zunehmend infrage. Für Neu Kaliß endet damit nicht nur ein Kapitel Unternehmensgeschichte, sondern auch ein Stück deutscher Industriekultur.

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